Restaurant mit Mission – Faouzi Chihabi

Headerbild: Faouzi Chihabi (links) mit Mitarbeitern Carlos Andrade Vezo und Francis Liz Barnier

 

„Durch meine Arbeit erfahre ich Gott mehr“, sagt Faouzi Chihabi. „Zwar habe ich meinen Glauben im Kopf und im Herzen, aber jetzt fließt er auch durch meine Hände.“ Faouzi studierte Theologie, um Pfarrer zu werden, dann arbeitete er für gefährdete Jugendlicher für die niederländische wie die europäische Regierung. Heute ist er Besitzer der Trattoria Borgo d‘ Aneto. An einem schönen Uferstandort in Rotterdam verbinden sich nun seine frühere Erfahrung und sein Glaube in diesem Restaurant-mit-Mission.

Die Latte Macchiato wird sorgfältig kredenzt. Das italienische Brötchen ist knusprig; weder zu weich noch zu hart. Der Teller hübsch dekoriert mit frischem Gemüse. Faouzi vermittelt seinem Team, stets den Kunden im Blick zu halten. In jedem Bereich des Restaurants wird ein hoher Qualitätsstandard verfolgt.

Borgo d’Aneto ist ein anerkannter Ausbildungsbetrieb für “gefährdete” Jugendliche, die spezielle Schulen besuchen, wo Ausbildungen angeboten werden. Faouzi stellt sich heftig gegen die Annahme, dass es eine besondere Herausforderung sei, die hohe Qualität des Restaurants mit diesen jungen Leuten aufrechtzuerhalten. “Diese Jungen und Mädchen mögen einen niedrigen IQ haben, aber es ist eine absolut falsche Vorstellung, dass sie nicht sozial kompetent seien. Im Gegenteil, sie sind äußerst sensibel und intuitiv.”  Er sieht, wie sie in seinem Restaurant aufblühen, obwohl hier und da auch mal ein Essen im Müll landet. „Als Unternehmen können wir es uns nicht leisten, etwas auf den Tisch zu bringen, das unserem guten Standard nicht entspricht. Wenn mal ein Gericht in der Mülltonne landet, fühlen sich die Jugendlichen vielleicht, als würden sie selbst dort landen, aber sie können durch Fehler lernen, weiterzumachen, auch wenn es mal einen Rückschlag gab. Sie lernen, dass ihr Beitrag etwas bewirkt, und diese Erkenntnis bedeutet persönliches Wachstum.“

Die rehabilitierende Wirkung von “echter Arbeit”

Faouzi weiß, was es bedeutet, mit gefährdeten Jugendlichen zu arbeiten. Bevor er Restaurantinhaber wurde, war er in diesem Bereich für die Kreisverwaltung tätig. Später wurde er Teil einer europäischen Studie, bei der er ein Bildungsprogramm entwickelte, wozu  auch die Simulation von Arbeitskontexten gehörte, damit Jugendliche im Klassenzimmer die „reale Welt“ erleben konnten. Allerdings wurde ihm dabei bald klar, dass das nicht dasselbe ist, wie in einem wirklichen Unternehmen zu arbeiten. „Ich muss diese jungen Leute direkt ansprechen, wenn sie etwas falsch machen, denn das Überleben meines Unternehmens hängt schließlich davon ab, was sie leisten. Ein Lehrer in einer simulierten Unternehmenssituation kann sich vor dieser Konfrontation drücken. Ein solches „sicheres Lernumfeld“ zu schaffen,  ist auch noch aus anderen Gründen ungesund. Junge Menschen können abgeschreckt werden mit Warnungen wie ‚hier ist es sicher, aber später, in der Welt draußen …!‘ Jugendliche müssen lernen, dass Fehler und Versagen zum Leben dazugehören.”

Faouzi Chihabi vor seinem Restaurant

 

Hintergrund

Faouzi kann sich mit diesen „Problem-Jugendlichen“ gut identifizieren. In Marokko geboren, kam er als Kind ins belgische Antwerpen, wo er in schwierigen Familienverhältnissen aufwuchs.  Im Alter von zirka 20 wurde seine Neugier durch einen Freund afrikanischer Abstammung geweckt, der sich sehr positiv veränderte, nachdem er zum christlichen Glauben gekommen war. „Ich fing an, die Bibel zu lesen“, erinnert sich Faouzi. „Besonders die Bergpredigt hat mich beeindruckt, die voller Beispiele dafür ist, wie Gott als Vater für uns sorgt. Ich begann zu glauben, dass es wahr ist. Als Moslem war ich es gewohnt, Wahrheit als rational zu verstehen, aber das hier ging tief in die Seele. Ein unwiderstehliches und wunderschönes inneres Gefühl, dem ich mich nicht verschließen konnte. Allein und für mich betete ich das Gebet der Sünder und Gottes Geist kam über mich. Ein Gefühl, wie eine Dusche, eine überwältigende innere Reinigung.”

Er studierte Theologie, aber während seines ersten Jahres als Gemeindepraktikant in einer kleinen Stadt fehlte ihm die Verbindung zwischen dem Pastorendasein und dem gewöhnlichen, alltäglichen Leben der Gemeinde. „Es war bedrückend. Allzu oft kreist das Leben eines Pastors um Predigten, Verwaltung und Gemeindedienst. Mir wurde die Gefahr bewusst, in einem Elfenbeinturm zu leben, zu weit entfernt vom realen täglichen Leben. Mich trieb die Frage um, wie ein Pastor die täglichen Probleme verstehen kann, die Menschen an ihrer Arbeit und mit ihren Familien erleben.“

Theorie und Praxis zusammenbringen

Die Kluft zwischen Theorie und Praxis ist nicht nur ein Problem in der Kirche, sondern überhaupt in der Gesellschaft. Laut Faouzi, „lehren wir in unseren Schulen vorrangig Theorie. So als würden wir die ‚Definition des Gehens‘ unterrichten, aber wir lernen Gehen nur durchs Umfallen! Vor ein paar Jahrhunderten war Bildung nur etwas für die Elite. Heutzutage ist Bildung ein ‚Muss‘ für jeden geworden. Aber ganze Gruppen junger Leute fühlen sich in den Bildungsinstitutionen eingesperrt, wo der Fokus auf Theorie und kopflastigem Lernen liegt, wo es kaum Anerkennung für die Arbeit mit Herz und Händen gibt.

Er ist fest davon überzeugt, dass das normale Arbeitsleben jungen Leuten viel näher sein sollte. „Die staatliche Gesetzgebung der meisten westlichen Länder prägt eine dualistische Weltsicht. Ein Zehnjähriger kommt regelmäßig hierher. Er möchte etwas tun, aber ich kann ihm nicht einfach ein paar Euro geben, damit er die leeren Flaschen wegbringt. Das könnte hier in den Niederlanden als Kinderarbeit angesehen werden und mich als Geschäftsführer in Schwierigkeiten bringen. Aber das Selbstbewusstsein dieses Jungen würde größer werden, wenn ich ihn für seinen gut gemachten Job lobe. Doch anstelle seine Arbeitsethik anzuregen hat sich unsere Gesellschaft dafür entschieden, seine Arbeitsidentität auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Er ist zwangsweise gelangweilt und hängt auf der Straße herum. Ist es das, was wir wollen?“

Nach Faouzi unterhöhlt dieses In-Schubladen-Denken die Gesellschaft, er sieht es überall. „Wenn ich Manager großer Unternehmen treffe, um mit ihnen über soziale Unternehmensverantwortung zu sprechen, erhalte ich zur Antwort: ‚Soziale Verantwortung? Geh zu diesem Büro, jene Abteilung ist dafür zuständig.’ Eine andere Firma unterstützt afrikanische Kinder und hat Bilder von ihnen an den Wänden hängen. Wunderbar, oder? Aber kehren wir dann unserer sozialen Verantwortung den Rücken zu und fokussieren uns weiter ausschließlich auf den Profit?  Die Frage ist doch, wie wir Menschlichkeit einfließen lassen und sie Teil unserer gesamten Unternehmens-DNA machen, einschließlich der Unternehmensführung und der Produkte.“ Für Faouzi ist „Gutes tun“ nicht irgendeine Art ‚Zehnten geben‘ für Gott und Gesellschaft. Er möchte die gesamte Firma mit Menschlichkeit durchtränkt sehen. Glaube und Gott sind bei diesem Ziel zentral.

Gastgeber und Vaterschaft

„Gott ist ein großzügiger Gott. Er ist ein Gott des Überflusses”, erzählt Faouzi weiter. „Er ist der absolut perfekte Gastgeber. Wie können wir das in unserem Restaurant widerspiegeln?“ Gott als Vater ist eine weitere Inspirationsquelle für Faouzi. Ein Vater ist jemand, der neben dir steht, nahbar, zugänglich und vertraut. „Am Anfang hatte ich nicht geplant, das Restaurant zu leiten oder selbst in der Küche zu arbeiten, aber die Leiter und Köche, die ich eingestellt hatte, wollten nicht so mit den Jugendlichen arbeiten, wie es mir vorschwebte. Toiletten putzen? Da haben sie sich geweigert, das sei ein Job für Auszubildende! Aber meiner Ansicht nach arbeitet ein Leiter zusammen mit seinen Leuten und krempelt genauso die Ärmel hoch.

Nicht nur ein Betrieb ist heilig, sondern alle Arbeit ist heilig. „Es ist kein Zufall, dass der erste Vers in der Bibel damit beginnt, wie Gott Himmel und Erde erschafft. Dort, wo zum ersten Mal Gottes Name erwähnt wird, steht er im Zusammenhang mit Arbeit: Gott schuf. Ich selber habe alle geistlichen Übungen durch, die man sich nur vorstellen kann. Ich habe gebetet und gefastet, weil es mein Wunsch war, Gottes Willen zu erkennen. Doch jedes Mal gab es da so eine Art Distanz. Ich spreche hier ganz klar von meinen persönlichen Erfahrungen, aber ich habe Gottes Gegenwart zuvor noch nie so erlebt, wie jetzt. Wenn ich hier im Restaurant etwas schaffe und kreiere, dann offenbart sich Gott.“

Ein großer Traum

Faouzi hat einen Weg gefunden, Arbeit, Lebenserfahrung und Glauben zu verbinden. In der Zwischenzeit arbeitet er weiter Seite an Seite mit gefährdeten Jugendlichen, kommt ins Gespräch mit Kunden unterschiedlichen Hintergründen. Er findet Wege, um Gottes Herz auf  der Arbeitsebene erfahrbar zu machen: als Vaterfigur für junge Menschen, Gastgeber für seine Gäste, als Schöpfer neuer Produkte. Aber damit ist seine Mission nicht erfüllt. Im Gegenteil, Faouzi fühlt, wie notwendig es ist, Anerkennung für handwerkliches Arbeiten zurück in ie Gesellschaft zu bringen und wünscht sich mehr Menschen und Unternehmen, die dazu beitragen, handwerkliche Fähigkeiten jungen Menschen nahezubringen.  Gerne würde er  mehr solche unternehmerische Tätigkeiten in seiner Nachbarschaft sehen.  Und obwohl sein Restaurant fast immer ausgebucht ist, misst er nicht hieran seinen Erfolg. Faouzis Träume sind größer.

 

Dr. Gea Gort (www.GeaGort.com) ist ausgebildete Journalistin und studierte transformierende Leiterschaft im globalen Kontext an der Bakke Graduate Universität, wo sie als außerordentliche Lehrkraft arbeitet und regionales Vorstandsmitglied ist. (www.bgu.edu). Sie hat eine Leidenschaft für innovative Mission im urbanen wie im globalen Kontext. In ihrer Heimatstadt Rotterdam (Niederlande) gründete sie das Stadtgebet, leitete ein Netzwerk christlicher Führungskräfte und beriet die Regierung in multikulturellen Angelegenheiten.

Mats Tunehag (www.MatsTunehag.com) ist ein schwedischer Redner, Autor und Berater, der in über der Hälfte der Länder der Welt gearbeitet hat.  Seit über 20 Jahren ist er weltweiter Vordenker der “Business als Mission”-Bewegung, ist Vorsitzender von BAM Global und hat zwei Globale BAM Think Tanks geleitet. Tunehag diente als Führungskraft in der Lausanner Bewegung und der Weltweiten Evangelischen Allianz und rief die Globale Consultation on the Role of Wealth Creation for Holistic Transformation ins Leben (globale Beraterorganisation über die Rolle von Wohlstandsschaffung für ganzheitliche Transformation).  Tunehag arbeitet Teilzeit für einen internationalen Investmentfonds der Mittelstandsunternehmen hilft, zu wachsen und größere ganzheitliche Wirkung in der arabischen Welt sowie in Asien zu entfalten.

 

Die Geschichte von Faouzi Chihabi ist eine von vielem im neu erschienenen englischenBuch von Dr. Gea Gort und Mats Tunehag über „Business as Mission“:

BAM Global Movement. Business as mission. Concepts & Stories. Hier erhältlich bei amazon.

 

 

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